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Pressemitteilung vom 09.07.2010

Bildungsexperte: OS-Abschaffung schwächt gegliedertes Schulsystem

Brisante Ergebnisse einer Untersuchung des Bildungsexperten Peter Brammer - Gymnasien und Gesamtschulen als Nutznießer

Pressefoto
Peter Brammer
Göttingen.

Göttingen Brisante Ergebnisse haben die Untersuchungen des Göttinger Bildungsexperten Peter Brammer zu den Auswirkungen der Auflösung der Orientierungsstufe zutage gefördert. Danach hat die Entscheidung der Landesregierung aus dem Jahr 2003, die OS als eigenständige Schulform für die Klassen 5 und 6 aufzulösen und die Kinder gleich nach der Grundschulklasse 4 auf die weiterführenden Schülen zu schicken, die Akzeptanz der Haupt- und Realschulen geschwächt und damit zumindest in Göttingen zur Erosion des gegliederten Schulwesens beigetragen.

Während Eltern der Empfehlung der abgebenden Schulen vor der OS-Abschaffung noch überwiegend gefolgt seien, ignorierten sie sie seither weitgehend. Brammer: „Bemerkenswert ist dabei, dass die prozentuale Verteilung der Schullaufbahnempfehlungen der Grundschullehrer auf das gegliederte Schulsystem nicht signifikant von derjenigen der Orientierungsstufenlehrer abweicht. 55 Prozent der Kinder erhalten eine Gymnasialempfehlung, 30 Prozent eine Realschulempfehlung und 15 Prozent eine Hauptschulempfehlung. Verändert hat sich aber das Verhalten der Eltern. Während heute mehr als zwei Drittel der Eltern realschulempfohlener Kinder die Empfehlungen der Grundschule nicht mehr akzeptieren, sind es bei den hauptschulempfohlenen Kindern sogar nahezu einhundert Prozent.“ Aufgabe der Untersuchungen war es nicht, den unabhängig von der OS-Abschaffung entstandenen Imageproblemen von Haupt- und Realschulen sowie anderen gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere dem demographischen Wandel und seinen Konsequenzen, auf den Grund zu gehen.

Brammer erinnert in seiner Studie im Rahmen der „Bildungsregion Göttingen“ an die bildungspolitischen Diskussionen der vergangenen drei Jahrzehnte. Die OS sei 1980 von einer CDU-geführten Landesregierung eingeführt und 2003/2004 ebenfalls unter einem christdemokratischen Ministerpräsidenten aufgelöst worden. Im Endeffekt hätten sich sowohl Kritiker als auch Befürworter der OS-Auflösung in ihren Einschätzungen getäuscht. Die Abschaffung der Orientierungsstufen habe keineswegs zu einer Benachteiligung von schwächeren Schülern geführt. Im Gegenteil. Nach der vierten Klasse wechselten mehr Schülerinnen und Schüler auf die Gymnasien als zu OS-Zeiten – und kämen dort auch zurecht. Brammer: „Die eher konservative Bildungspolitik, die die Auflösung der OS über Jahre mit dem Ziel betrieben hat, das gegliederte Schulwesen zu stabilisieren, hat mit diesem bildungspolitischen Kraftakt exakt das Gegenteil ihres Zieles erreicht. Aber auch die bildungspolitischen Kräfte, die für den Fortbestand dieser Schulform eingetreten sind, weil sie sich von ihr ein größeres Maß an Chancengleichheit erhofft haben, müssen heute zur Kenntnis nehmen, dass sie sich in ihrer Annahme getäuscht haben.“

Brammer betont: „Die Orientierungsstufe als eigenständiger Schulform der Klassen fünf und sechs hat in Göttingen bis 2003/2004 wesentlich dazu beigetragen, das gegliederte Schulsystem zu stabilisieren; sie hat ihre Lenkungsfunktion in Sinne dieses Schulsystems erfüllt. Sie minderte damit die Chancen für diejenigen Schülerinnen und Schüler, denen sie von ihrer bildungspolitischen Intention eigentlich zu mehr Chancengerechtigkeit verhelfen wollte.“ Gymnasien und Gesamtschulen seien die großen Gewinner der OS-Auflösung – Gewinner seien insbesondere aber auch die Schülerinnen und Schüler, die jetzt höherwertige Schulabschlüsse erreichten.

Brammer leitet aus seiner Untersuchung eine Reihe von Konsequenzen für die Weiterentwicklung der Schulstruktur in Südniedersachsen ab. So fordert er, dass alle Schulen der Sekundarstufen I und II rechtlich so ausgestattet werden sollten, dass sie alle Abschlüsse bis hin zu Abitur ermöglichten. Jede Schule müsse dabei ihr eigenes, spezifisches und auf ihre Schüler und deren Bedürfnisse zugeschnittenes Profil entwickeln. Brammer: „Der Kern einer zukunftsweisenden Schulentwicklung einer Region liegt also in der Entwicklung gleichwertiger, aber in ihren Profilen unterschiedlicher Schulen, die in einen fairen Wettbewerb um die beste Ausbildung ihrer Schüler eintreten. Die Reformfähigkeit und Bereitschaft der Gymnasien sowie parallel die Einrichtung gleichwertiger und gut ausgestatteter Gesamtschulen der Klassen 5 bis 13 sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Schulentwicklung.“

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